Der Mann im Meer. Über Moby Dick im Theater RambaZamba | Von Lukas Fuchsgruber

Gregory Peck publicity photo for the film Moby Dick, 1956 by Warner Bros [Public domain], via Wikimedia Commons

Der Mann im Meer.

Über Moby Dick im Theater RambaZamba

Gastbeitrag von Lukas Fuchsgruber

„Wie sorgsam ich ihn zu sezieren und in seine Tiefen zu dringen trachte – nur seine Haut kann ich durchschneiden; ich kenne ihn nicht und werde ihn niemals kennen. Doch wenn ich mich nicht einmal mit seinem Schwanz auskenne, wie sollte ich dann seinen Kopf kennen? Und wie gar sein Gesicht verstehen, da er ja keins besitzt? Du magst mein Hinterteil, magst meinen Schwanz sehen, scheint er zu sagen, doch mein Gesicht soll ungesehen bleiben. Ich aber kann nicht einmal sein Hinterteil ganz begreifen; und von seinem Gesicht mag er erzählen, was er will – ich bleibe dabei: er hat keins.“

Zitat aus Moby Dick von Herman Melville

Moby Dick ist ein Roman von Herman Melville, aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. In endlos kleinteiliger Art erzählt er darin von der Walfischjagd seiner Zeit. Sie boomte im 19. Jahrhundert, im Zuge der Industrialisierung war der Bedarf an Walfischöl gestiegen, als Leucht- und Schmiermittel. Minutiös wird im Text jede Einzelszene des Walfangs als ein kleines Drama inszeniert. Gleichzeitig ist es die Geschichte einer einzigen großen langen Jagd nach dem legendären weißen Wal, nach Moby Dick.

Illustration aus einer Moby Dick Ausgabe von 1892

Im Inklusions-Theater RambaZamba in Berlin hatte kürzlich Moby Dick Premiere, in einer Aufführung (Bearbeitung Steffen Sünkel, Regie Jacob Höhne), die den Stoff des 19. Jahrhunderts über den getriebenen Kapitän Ahab, der dem weißen Wal hinterherjagt, in Begegnung bringt mit gegenwärtiger Kritik von Männlichkeit, insbesondere Jack Urwins „Boys don‘t cry“. So wirft einer der Matrosen bei Schilderung des Seefahrerlebens ein: das klingt ganz schön toxisch. Gemeint ist die Brutalität gegen sich selbst, die das entbehrungsreiche Leben in der Gruppe der Jäger mit sich bringt. Wie Melville beschreibt sind die Walfangboote in besonderem Maß isoliert, sie laufen kaum Hafen an, da sie weder Ballast noch Ware führen, so haben sie wie er schreibt Trinkwasser in der Menge eines Sees an Bord. Seltenst geht die Besatzung an Land. Die Isolation der Männergruppe ist ultimativ.

Symbolischer Ausdruck der Brutalität gegen sich selbst und dem Druck der Isolation wird im Theaterstück der Riemen, mit dem sich Ahab (Matthias Mosbach) fortwährend selbst geißelt und den er auch gegen Mitglieder der Mannschaft richtet. Bei Melville stößt einmal die Figur Stubb aus: „Oh, ich tu niemandem was zuleide, wenn ich zuschlage, außer‘s ist ein Wal oder was Ähnliches; aber der Bursche gehört nicht zu dieser Zunft, der ist eher ‘n Murmeltier…“ Diese Verachtung gegenüber denen die nicht hart genug für die Jagd seien greift das Stück auf.

Auch bei Melville züchtigen sich die Männer gegenseitig, das höhere Ziel ihrer Gewalt sind jedoch die Wale, denen sie in den Fangbooten begegnen, und auf die sie ihre Harpunen, Speckspaten und Schlepp-Druggs schleudern.

Doch: Kein Tier ist in diesem Stück zu Schaden gekommen! Im Theaterstück tauchen keine Wale auf, es ist Moby Dick ohne Moby Dick! Ansonsten hält sich das Stück stark an die Erzählung, zum Beispiel im Rachewahn des einbeinigen Kapitäns. Oder in der liebevollen Bruderliebe von Ismail (Boris Jacoby) und Queequeg (Felix Loycke), im Stück durch affektiertes Rumgeknutsche ins Lächerliche gezogen – tja, Homosexualität oder die Karikatur davon lässt das Stück auch nicht als Ausweg aus der Männlichkeitskrise zu. Oder aber in der tragischen Ziehsohn-Geschichte von Pip (Jonas Sippel), der bei einem Unfall über Bord geht und davon so stark traumatisiert ist, dass der Rest der Crew ihn für wahnsinnig erklärt.

Bei Melville klingt letzteres so:

„Die See hatte seinen vergänglichen Leib höhnisch verschont, aber das Unvergängliche seiner Seele war in ihr untergegangen. Und war doch nicht völlig untergegangen – wohl eher lebend hinabgefahren in zauberische Tiefen, wo seltsame Gebilde aus einer unverstellten Urwelt vor seinem blicklos schauenden Auge hin und wieder huschten und Weisheit, das raffende Meerweib, ihm ihre gehorteten Schätze offenbarte; und in diesem Reich fühlloser Lust, zeitlos ewiger Jugend sah Pip die unzähligen, göttlich allgegenwärtigen Korallensterne, die sich in gewaltigen Ringen aus dem Firmament der Wasser hoben. Er sah, wie Gottes Fuß den Webstuhl trat, und er verschwieg es nicht; und deshalb nannten die Männer ihn toll.“

Eine zauberhafte Stelle, in der Melville en passant, man könnte in heutiger Begrifflichkeit sagen, die Pathologisierung von „außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen“ als psychische Krankheit aufs Korn nimmt (ich beziehe mich hier auf die Psychiatriekritik, gut erklärt von Marc Rufer kürzlich im Interview „Schizophrenie ist ein magisches Wort mit unheilvoller Wirkung“). Das Stück konzentriert sich neben der Persönlichkeitsveränderung von Pip auf das Verhältnis Pip und Ahab, Ahab nimmt Pip zu sich, schließlich endet Pip in seinen Armen, sie sinken zusammen zu Boden. Andere Crewmitglieder erledigt Ahab ebenfalls in der Umarmung, wiederum im leidenschaftlichen Kuss.

Moby Dick am RambaZamba. Matthias Mosbach, Pascal Kunze. Foto: Sarien Visser

Es geht bei Melville zwar um jedes Detail des Walfangs, seine Geschichte ist aber kein Jagdroman, das Programmheft des Theaterstücks weißt auf diesen „Etikettenschwindel“ hin. Vielmehr philosophiert Melvilles Text über unzählige Unterthemen, über das Verhältnis Mensch-Natur, über die Farbe Weiß, über dies und jenes, erstes und letztes, immer rückgebunden an das Hetzen, Metzeln und Zerstückeln von Walen, und an das Leben und die Sorgen der Männer an Bord, die stark voneinander abhängig sind.

Das Theaterstück beginnt mit einem witzigen Vortrag der Schöpfungsgeschichte durch die Puppenköpfe der „Das Helmi“ Gruppe. Damit ist die Tragweite klar, die Herrschaft des Menschen über die Natur. So kann denn auch das ganze konkrete Gemetzel des Moby Dick Stoffs außen vor gelassen werden, man steht so auf dem schiefen Deck herum, das gleichzeitig die endlose spiegelnde Leere des Meeres ist, im Wind, in den Ambient-Gitarrenriffs von Andreas Spechtl. Die Tierwelt im Stück ist weder Feind noch Beute, die Tierkostüme machen aus den Monstern der Meere eine Karikatur, ulkig flattern und wogen die Figuren herum, schreiten und fallen. Die Seemonster sind also nun eher die des 20. Jahrhunderts und nicht mehr die des 19. Jahrhunderts. So lassen drolligen Seetiere eher an den Schoßdrachen Custard von 1936, oder an Paff von 1959 denken oder an Findet Nemo. Die Männer ignorieren diese Meereswelt. Das macht die Bühne frei für das eine Monster: Ahab. Eine Harpune braucht er folglich auch nicht, die Waffe des Vaters ist der Riemen, mit dem er peitscht, hauptsächlich sich selbst.

Geht eine Kritik der Männlichkeit durch Repräsentation der Männlichkeit? Wird die Darstellung von Männlichkeit gebrochen? Zuvorderst scheint das Stück mit Melville zu brechen, wie gesagt, Moby Dick ohne den Wal. Ein Reigen der Männlichkeit an Bord vollführt sein unheilvolles Spiel vordergründig ungebrochen. Und das ist schließlich ein großes Problem mit Männlichkeit, dass sie sich auf sich selbst konzentriert, sich aus sich selbst speist, aus der Interaktion und Inspiration zwischen Männern, eine Orientierung des Mannes an der Männlichkeit, bis zum bitteren Ende. Selbst die eher beiläufig gespielte Beinprothese scheint den Kerl Ahab nicht einzuschränken, er rotiert auf der Bühne, sein Wahn hemmt ihn nie, er treibt ihn an. Fortwährend staucht er seine Crew zusammen, putscht sie auf. Es erscheint die Gewalt der Männer eher als Karikatur. Gerade hier hätte das Mensch-Tier Verhältnis eine größere Rolle spielen können. Zwar ist die Ignoranz der Männer gegenüber den Schaumstofftieren am Bühnenrand fast auch schon symbolisch, doch ausgespielt wurde sie nicht.

„Der Geist in den Wassern“. Cover eines feministisch-ökologischen Buchs der 70er Jahre von Joan McIntyre über das Bewusstsein von Meeressäugern und Mensch-Tier Begegnungen.

Die Figur eines rätselhaft stumm auftauchenden Jungens, der zart über die Bühne tanzt, dann von einer Vaterfigur immer wieder zu Boden gejagt wird, während eine teilnahmslose immerstumme Mutter zusieht (die einzige Frau im Stück), entschlüsselt sich erst zum Ende hin. Das Theaterstück greift hier ein Detail von Melvilles Stoff auf. Ahabs Schiff, die Pequod, trifft dabei auf ein anderes, die Rachel. Deren Kapitän hat ein Fangboot mit seinem zwölfjährigen Sohn an Bord verloren und bittet um Hilfe bei der Suche. Bei Melville appelliert der fremde Kapitän sogar persönlich an Ahab, indem er ihn an seinen eigenen Sohn erinnert, der sicher und behütet an Land zurückgeblieben sei. Dieses Detail bleibt im Theaterdialog unausgesprochen, und doch wird diese zweite Vater-Sohn Beziehung explizit. Denn der stumme Junge, in einen eng anliegenden Latexanzug gekleidet, grau wie Walhaut, entpuppt sich implizit als der Sohn des Ahab, ihm flüstert er seinen eigenen Wahn ein, Wort für Wort wiederholt dieser ihn, die Getriebenheit des Vaters wird an den Sohn weitergegeben. Erst im Verhältnis zum Jungen wird die Gewalt der Männlichkeit als Krise deutlich.

Moby Dick am RambaZamba. Matthias Mosbach, Andreas Rosenzweig. Foto: Sarien Visser

RambaZamba

Spielzeiten Moby Dick

22. 23. 29. und 30. Juni 2018


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