Toretto und Gollum auf Westeros

The „Real Emotion“ of David 8, Prometheus | Quelle: Nolan Fans

Toretto und Gollum auf Westeros

Über die phänomenale Phantasielosigkeit von Männerphantasien

Von Christoph May

Wie inszenieren sich Männer in Filmen und Serien? Bevor wir direkt in die Bildanalyse einsteigen, will ich kurz klären, wie man sicher geht, dass man es mit einer Männerphantasie zu tun hat. Easy! Ihr müsst einfach nur nachsehen, ob das Drehbuch von einem Mann geschrieben wurde. Was meistens der Fall ist. Denn nur zehn Prozent aller Drehbücher werden von Frauen verfasst. Das ist die traurige Wahrheit. Bei Disney, Universal und Paramount schreiben 90 Prozent Männer! Bei Netflix, HBO und Amazon sind die Zahlen ähnlich.

Für eine hausgemachte Männerphantasie ist also das Drehbuch entscheidend, nicht die Regie. Die macht nur sichtbar, was im Drehbuch steht. Die Regiequote liegt nebenbei bemerkt drei Punkte unter den Drehbüchern bei unfassbaren sieben Prozent. In 100 Regiestühlen sitzen nur sieben Frauen. Im Vergleich zu 2015 ist die Tendenz sogar fallend. Wohlgemerkt trotz der #MeToo-Debatte.

Wie es aussieht, wird sich an diesen miesen Zahlen in den nächsten Jahren nichts ändern. Letztes Jahr habe ich zum Beispiel in einem Vortrag die Vermutung geäußert, dass wir noch Lichtjahre davon entfernt sind, für das Drehbuch von Star Wars eine Frau zu engagieren. Das war im November, also kurz bevor Episode 8 Die letzten Jedi rauskam. Und siehe da, wie Disney Ende Februar bekannt gegeben hat, geht die komplette vierte Trilogie an Rian Johnson. Soll irgendwann nach 2020 anlaufen.

Weil man es plötzlich eilig hatte, wurde auch die fünfte Trilogie gleich mit vergeben. Und zwar an die beiden Regisseure von TADAAHHH!! Game of Thrones. Bis 2028 (!) also hat Disney jede Chance auf eine Drehbuchautorin vertan. Star Wars bleibt eine Männerphantasie. Nach Weinstein und #MeToo hätte man sich kaum deutlicher positionieren können: Gleichberechtigung in Hollywood? Kein Interesse!

In Deutschland sieht es nicht viel besser aus. Das Verhältnis bei den Hauptrollen liegt nach einer Studie vom Juli letzten Jahres bei zwei Drittel. Statistisch kommt hier auf zwei männliche Protagonisten eine Frau. Und habt ihr mal bei KiKa reingeschalten, beim KinderKanal? Da wird’s richtig düster. Die SZ hat KiKa kürzlich als Zitat „eiserne Mansplaining-Bastion“ bezeichnet. Was bedeutet, dass die Typen von der Sendung mit der Maus oder Löwenzahn heute Checker heißen.

Auch die fiktiven Figuren sind fast ausschließlich männlich besetzt: einer weiblichen Figur stehen neun männliche gegenüber. Bei sprechenden Pflanzen und Objekten sind 88 Prozent als männlich erkennbar, bei Robotern und Maschinen 84 Prozent. Die Kids werden quasi überrannt von Männerphantasien.

Aber zurück zu den „Erwachsenen“, zu den großen Studios in Hollywood, zu den Big Six. Fast alle Filme und Serien aus den vereinigten Staaten sind männliche Produktionen. Von Herr der Ringe über Star Wars bis Game of Thrones. Und um nur mal annähernd eine Ahnung von dem enormen Impact zu bekommen, den Filme und Serien auf das gesellschaftliche Unterbewusstsein haben, wollen wir die Bilderflut fiktiver Männerwelten jetzt ein wenig auseinandernehmen.

Zuerst schauen wir uns die Darstellung des männlichen Körperpanzers an: Superheros, Outlaws, Ex-Bullen, Killer-Maschinen und so weiter. Die ganze Palette der um sich schlagenden Testosteron-Prügel also. Im zweiten Schritt nehmen wir die Inszenierung von Männlichkeit als Kreatur in den Blick. Hierzu zähle ich Zombies, Mutanten, Monster und Aliens.

Während der Körperpanzer die physischen Zustände der Aushärtung beschreibt, zeigt uns die Kreatur den Entwicklungsstand der Emotionen. Oder genauer: den Grad der enormen emotionalen Sprachlosigkeit von Männern. Der Körperpanzer ist mehr eine Metapher für das Außen, die Kreatur hingegen bringt das Innenleben auf die Leinwand. Das kreatürliche Innere von Männern, wenn ihr so wollt. Ich werde zeigen, dass es sich in beiden Fällen um spezifisch männliche Darstellungsformen handelt.

Mein drittes Augenmerk richtet sich auf die hypermaskulinen Phantasielandschaften, auf die Psychogeographie, das Mental Mapping, die Show-Realität. Dort, wo sich Körperpanzer und Kreatur „Gute Nacht!“ sagen. Also im übertragenden Sinne „Gute Nacht!“, sprich: sich die Eingeweide rausreißen, wie irre rumballern, killen, meucheln, morden und schlachten ohne Ende.

Das PsychoFantasyLand passt sich perfekt an die jeweiligen Bedürfnisse an. Es bietet die ideale Kulisse für prächtige Genozid-Exzesse, für Kriegsführungen aller Art, um die Welt zu retten, die Familie zu rächen, das Universum zu zerstören und so weiter. Dritter Punkt also: die männlichen Innenwelten und Gefühlslandschaften. Von Westeros bis Westworld, von Tatooine bis Mittelerde. Willkommen an Bord der Prometheus oder der Black Pearl. Wer war noch nicht in Hogwarts und Gotham City? Oder in der Oasis?

Ich zeige euch jetzt den sehr überladenden Trailer von Ready Player One. Bitte achtet zunächst nur darauf, wie viele Charaktere und Figuren ihr als eindeutig männlich erkennen könnt:

Hier haben wir alles versammelt: einen Haufen Körperpanzer, Kreaturen aller Art und eine virtuelle Alles-ist-möglich-Umgebung. Schaut man aber genau hin, offenbart sich schnell, dass Diversität hier nur vorgetäuscht wird. Denn so laut und imposant dieser Bombast an Figuren und Action und Spektakel daher kommt: die gesamte Show ist männlich geprägt, geradezu hypermaskulin. Was wir gesehen haben, täuscht eine reiche Phantasie vor, ist in Wahrheit aber eine einseitige und phantasielose Angelegenheit.

Der Avatar des Protagonisten heißt übrigens Parzival. Damit ist eigentlich schon alles gesagt: die Erziehung zum Ritter, die Suche nach dem Gral, Abenteuer, Abenteuer, Abenteuer und finally die Herrschaft über einfach Alles. Story und Männlichkeit also ganz klar tiefstes Mittelalter.

Nun endlich zur Bildanalyse! Körperpanzer zuerst, dann die Kreatur und als drittes die Psychogeographie.

Körperpanzer (Männerphantasien, Theweleit 1977)

Aus rechtlichen Gründen hier statt der Bilder nur meine jeweiligen Kommentare, ein paar Gifs und Videos.

  • beim roboandroiden Terminator (T-800) als Endoskelett aus Titan
  • feuerfestes Gerüst mit Superkräften
  • mit Haut überzogen, keine Selbstheilung

Quelle: Tech Noir

  • T-1000 besteht aus flüssigem Metall, mimetische Polylegierung
  • kann schmelzen
  • bzw. morphen
  • Haut, Haare und Kleidung ebenfalls morphfähig, Raubkopie von Identität und Äußerem durch Berührung
  • Gehirn aus MorphStahl
  • Adamantiumskelett und Faustkralle bei Wolverine
  • Exoskelett als Vollpanzerung bei Iron Man
  • funktioniert autonom
  • reproduzierbar im Hobbykeller
  • Doppelpanzerung: der Hulkbuster

Quelle: The Verge

  • offenes Exoskelett in Edge of Tomorrow
  • um schwere Wummen tragen zu können
  • Batterie alle? abschnallen und stehen lassen
  • festes Exoskelett in Elysium
  • in den Körper geschraubt und mit Rückgrat verbunden
  • Darth Vader trägt Exo-Kostüm, Versiegelung des zerstörten Körpers inklusive Atemmaske, externer Zugang zur Macht, sprich: telepathische Kräfte zum lähmen, würgen und schweben lassen
  • Kostüm von Deadpool verdeckt verstümmelten Körper, im Unterschied zu Darth Vader interne Superkräfte
  • Kostüm samt Maskerade bei Batman, Mund frei für Frischluft, besondere Fähigkeiten einzig durch Maschinenpark im Hobbykeller

Quelle: Know Your Meme

  • Superman als Verkörperung von übermännlichen Fähigkeiten
  • dennoch Aushärtungspotential zum Men of Steel, also wieder Stahl
  • Stallone, der alte Rambo
  • der neue Rambo Dwayne Johnson, Muckis und Tribal-Tattoos
  • Muckis und Knast-Tattoos bei Jason Statham
  • Toretto ist der neue John McClane: statt langsam sterben lieber fast und furious Gas geben
  • hier als Riddick auf einem Wüstenplanet
  • die jüngere Generation von Channing Tatum bis Zac Efron
  • Hulk, der alte Froschkönig, Körperpanzer und Kreatur zugleich, MuskelOverload durch Mutation
  • Teilpanzerung beim emotional vernachlässigten Bane in Dark Knight
  • Schmerzlindernde Gasmaske & Maulkorb: emotionale Sprachlosigkeit
  • Maulkorb hat Tradition: der alte Hannibal
  • der neue Hannibal
  • Mad Maulkorb Max
  • Immortan Joe aus Fury Road mit Pferdezähnen

Quelle: Zuts

  • Todesmaske direkt auf den Mund gesprüht bei Nux
  • weitere Motivtradition neben dem Maulkorb: die weisse Haut, steht für nicht durchblutet, also blutarm, gefühlskalt, innerlich tot, schwarzer Vorderkopf bei den War Boys bedeutet Burnout, Sicherungen durchgebrannt, kriegsgeil, Todessucht statt Todessehnsucht
  • bei den Kids aus Fury Road ist die Stirn noch weiss, es beginnt in den Augen, Analogie zum zweiäugigen Fernrohr rechts im Bild, Metapher für visuelle Überforderung und Bilderflut oder für überhitzte Amygdala: Affekte, Furcht, Angst, Stress und Gewalt
  • die Tradition der Bleichgesichter auf dem Bildschirm beginnt 1931 mit Boris Karloff als Frankenstein
  • Darth Vader ohne Helm als Spielfigur: leichte Augenringe, abgestorbene Haut, totes Gewebe, aber Nervenkabel schön bunt
  • die sogenannten Ingenieure in Prometheus, organisch mit Körperpanzer verwachsen, rot unterlaufene Augen, sie sprechen nicht, wachsen am Boden, schwarze Samenflüssigkeit quillt aus den Urnen, no female Engineers
  • so sehen sie ausgewachsen aus, Panzer und Körper sind eins
  • nackt ohne Panzer, aber mit EightPack, grossflächig gezählt sogar 17erPack (BossTransformation), erinnert an antike Marmorstatuen, dieser natürlich an den David von Michelangelo in Florenz
  • Eröffnungsszene in Prometheus: die Auflösung des Körperpanzers in DNA-Moleküle, Ingenieur verbindet sich mit Luft und Wasser, männliche Erschaffung der Menschheit in der Phantasie von Riddley Scott, um Leben zu spenden, muss Mann dabei draufgehen

  • Androiden werden mit weißer Haut überzogen in Westworld
  • dann kommt ein Mann von hinten, steckt einen Schlauch in seinen Rücken und beginnt mit der Blutzufuhr, ihr könnt erkennen, wie der Körper leicht rot wird, Aufhängung in Orantenhaltung: Jesu Kreuzigung, Segnung, Weihung, Herschafftsanspruch, Gebet
  • Orantenhaltung bei Hannibal, das Kreuz hier ein blühender Baum samt Wurzeln auf einem nebeligen Parkplatz, Inszenierung des Mannes als Stammesvater und Jesus, abermals lebensspendend durch Zersetzung, quasi Düngerfunktion
  • am Morgen kommen dann andere Männer von überallher und umstellen den Baum mit ihrem Maschinenpark
  • anstelle der Organe inszeniert Hannibal das innere des Mannes mit einem Blumenbouquet
  • bei Hannibal wird der männliche Körper in allen nur denkbaren Formen zugerichtet, malträtiert, präpariert und ausgestellt, die ikonographisch bekannteste Inszenierungsform ist das Bearbeiten mit Sägen, Schraubenziehern und zahlreichen Metallstangen, alte Version
  • die neue Variante
  • klare Bildtradition des heiligen Sebastian, von Pfeilen durchbohrt, verkörpert das Stendhal-Syndrom: „Verlust der Kohäsion des Selbst“ (Graziella Magherini, ital. Ärztin), bekannteste Form der Neurose

San Sebastiano by Andreas Mantegna | Photo by Sailko [CC BY-SA 3.0], from Wikimedia Commons

  • die Pfeile als Waffen, gutes Bild für das immanente Bedrohungsgefühl und die enorme Angst bei John Wick, der innerhalb von 90 Minuten 127 Männer killt und eine Frau
  • wenn der Lauf wie bei Galvatron direkt aus der Handinnenfläche aufklappt, hat man nichts zu befürchten

Der Körperpanzer wird auch nach Außen projeziert in Form von Autos, Robotern, Androiden und Fluggeräten bis hin zu ganzen Flotten aus Maschinen. Und nicht zuletzt auf Frauenkörper natürlich.

  • beginnen wir mit der Gestalt eines King-Kong-Transformers
  • der TransformerBoss Optimus Prime, eigentlich ein Sportwagen aus dem All, weshalb der Schrott also irgendwie morphen und wachsen kann, außerirdisch, weil alles, was mann nicht erklären kann, prinzipiell erstmal außerirdisch ist
  • größer, schneller, breiter geht immer: irgendein Jäger aus dem Maschinenpark von Pacific Rim
  • und hier die Enterprise, oben links der Warp-Antrieb, der berühmte Turbo-Fahrstuhl direkt zur Brücke, Krankenstation, Gewächshaus und vieles mehr, durch diese ausdifferenzierte Pseudo-Realität wird aus der Phantasie meist eine schnöder Bauplan
  • und aus dem Bauplan wird ein Maschinenpark aus – ja wie soll man es nennen – Weltraumschrott, bei der Gestaltung von Kampfschiffen und Flotten sind der männlichen Phantasie offenkundig erhebliche Grenzen gesetzt, schon die Funktion ist sehr eingeschränkt: Kampf und Krieg oder Klingonenfutter
  • die autonome Körperpanzer-Armee im Geräteschuppen von Iron Man, Tony Shakespeare mit den Worten: „Dreifachpanzer oder Zehnfachpanzer? Das ist hier die Frage!“, im Automatikmodus weiß man übrigens nie, ob tatsächlich jemand drin steckt, ob der Mann emotional gerade zu Hause ist oder wieder abwesend, perfekt für Verwirrungstaktiken und Täuschungsmanöver
  • das Damoklesschwert über der Tafelrunde der sprechenden Sportwagen
  • „Real Emotion“ beim Androiden David Nummer 8, den man sich auch nach Hause liefern lassen kann

Hier die volle Produktwerbung:

  • aber „What happens to me if I fail your Test?“ in Ex Machina
  • interessante Interpretation der antiken Ex-Machina-Formel: nicht die künstliche Intelligenz ist die Gefahr, sondern die Frau, deren Blick und also die Lust, der Sex, die Verführung, Kontroll- und Machtverlust sind real, weibliche Intelligenz wird stets als Bedrohung inszeniert
  • das Gerüst von Ava (sic) als Steve-Jobs-Phantasie im AppleDesign, weiß, glänzend, minimal, Chomlegierung, sprich: Schönheit statt Schrotthaufen
  • Dolores in Westworld, Dolores kommt von dolor, der Schmerz, das Perfide dieser Männerphantasie: damit die robo-naive Dolores ein Bewußtsein entwickeln kann, muss ihr Körper wieder und wieder missbraucht und getötet werden, dreissig Jahre lang nahezu täglich, also viele tausend mal, die Emanzipation der Frau nach männlichem Drehbuch wird gern als die wohl größte Demütigung inszeniert, die Mann sich vorstellen kann

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass über den Körperpanzer in Filmen und Serien live und in Echtzeit die verschiedenen Formen von Toxic Masculinity verhandelt werden. Im Stahlwerk von Kino und Streaming-Diensten sprichwörtlich in Form gegossen:

  • Emotionale Distanz
  • HyperKonkurrenzdenken
  • Aggression
  • Einschüchterung oder Bedrohung
  • Gewalt
  • Sexuelle Objektivierung
  • Sexuelle Raubzüge

What is Toxic Masculinity? Screenshot from a Video Essay by Jonathan McIntosh | Pop Culture Detective Agency

Soviel zum Körperpanzer. Im zweiten Teil nehmen wir die Kreatur in den Blick bzw. das kreatürliche Innere aktueller Männlichkeiten.

Toretto und Gollum auf Westeros II. (Kreatur)

Toretto und Gollum auf Westeros III. (Psychogeographie)


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