Vielleicht sind wir nur Relikte: Männlichkeit in Shape of Water (2018)

Krewe of Proteus costume in New Orleans Mardi Gras (1907) by Anders Wikström [Public domain], via Wikimedia Commons

„Vielleicht Sind Wir Nur Relikte“

Männlichkeit in ‚Shape of Water‘ (2018)

Von Christoph May

Ich schreibe im Kino immer direkt mit, was bei schwach ausgeleuchteten Filmen wie diesem eine echte Herausforderung ist. Hier meine Notizen, die ich noch entziffern kann:

Eliza Esposito wird vom Backgroundsprecher gleich zu Beginn als „Prinzessin ohne Stimme“ eingeführt. Noch bevor wir Ihren Namen erfahren. Sie ist zunächst mal nur eine Putze, weil die Putzkräfte selbstredend weiblich sind. Ihre Kollegin Zelda regt sich zudem fortwährend über ihren nichtsnutzigen Ehemann Brooster auf.

Die Forschungsstation, in der die beiden putzen und die ausschließlich von Männern bevölkert ist, bekommt nun einen Fischmann aus dem Amazonas geliefert, der vom leitenden Wissenschaftler als „das sensibelste Wesen“ angekündigt wird, das sie je untersucht haben.

Was der Grund dafür sein dürfte, dass der namenlose Amphibienmann ununterbrochen gequält und mit einem Elektro-Teaser unter Strom gesetzt wird. Wenn evil Strickland, der Sicherheitschef, das Ding mal zur Seite legt, dann nur, um freihändig (!) pissen zu gehen. Eliza und Zelda müssen dabei zusehn.

‚Die Blendung Simsons‘ (1636) von Rembrandt [Public domain], via Wikimedia Commons

Zelda Fullers zweiter Name Delilah veranlasst Strickland alsbald zu einem Bibel-Mansplaining über die gleichnamige Philisterin, „die den als unbezwingbar geltenden israelitischen Richter Samson verriet und seinen Feinden auslieferte“. Full Story auf Wikipedia. Für Strickland der Beweis, dass Frauen Verräterinnen sind.

Auf die Frage von Eliza, woher er denn wissen wolle, wie Gott aussähe, zeigt er sich zudem überzeugt, dass Gott „nach seinem [Stricklands] Ebenbild“ erschaffen sei, wohl kaum nach dem von Eliza. Als der Fischmann ihm zwei Finger abbeisst, ist Strickland froh, nicht seine „Daumen-, Abzugs- und Muschifinger“ verloren zu haben.

Stricklands Misogynie macht auch vor seiner Frau nicht halt, der er beim rüden rammeln den Mund zuhält: „Nicht reden! Sei still! Ich will, dass du still bist!“ Genau deshalb erregt ihn auch Eliza, weil sie eben stumm ist. Sein Fremdenhass kommt vor allem gegen „das  Objekt“, den Amphibienmann zum Einsatz, das „einsamste Ding“, die „wilde Kreatur“.

ScreenShot from ScreenPrism „The Shape of Water Explained“ (KLICK the image to see the video)

Obwohl der Fischmann vor Schmerzen brüllt und sich krümmt und leidet, fehlt Strickland jedwede Empathie, Zitat: „Ich kanns nicht deuten!“ Schmerzensschreie empfindet er als „das beschissenste Geräusch auf der ganzen Welt“. Und während Eliza und der Fischmann bereits ganz wunderbar in Gebärdensprache miteinander flirten, gibt der leitende Wissenschaftler Hoffstettler zu bedenken, dass es „möglicherweise kommunizieren“ kann und fähig ist „Gefühle zu verstehen“. Möglicherweise?!

Derweil darf sich Strickland weiterhin „keinen negativen Gedanken erlauben“ und gegenüber Hofstettler reift in ihm die Erkenntnis: „Vielleicht sind wir beide nur Relikte“. Und weiter: „Ein Mann, treu, loyal, nützlich, sein Leben lang. Wann ist ein Mann am Ziel? Wann hat er den Beweis erbracht, dass er anständig ist?“Oder später: „Ich versage nicht, ich erledige es!“

Auch der träge Gatte von Zelda „war in letzter Zeit mies drauf“. Und es ist ihm ein leichtes, final seiner Frau in den Rücken zu fallen und den Escape Plan zu verraten (sic). Zelda daraufhin: „Jahrelang sprichst du nicht und jetzt kannst du deinen Mund nicht halten!“

Zwischendurch lässt sich Strickland vom Autohändler übrigens einen funkelnden Cadillac andrehen mit den Worten: „Sie sind der Mann der Zukunft! Sie gehören in dieses Auto!“ Und weil sowohl Arschloch alsauch Auto zum Schluss Total- bzw. Frontalschaden erleiden, nimmt der Film dann doch ein gutes Ende.

Ich stimme mit Philipp Stadelmaier überein, dass del Toro hier einen „lange gefeierten Heldentypus“ im Kino „demontiert“. Super Selbstkritik, ganz toll, sicher! Wieviel ist diese Kritik aber wert, wenn der Regisseur mit dem Männerbild nicht zugleich auch sein Frauenbild demontiert?

Eliza schafft den Aufstieg von der Putzkraft zur, äh, Märchen-„Prinzessin“ ja nur durch die übermännlichen Fähigkeiten ihres Fischmannes. Zelda bleibt wohl die Putz- und Haushaltskraft von Brooster. Und die Witwe von Strickland ist jetzt allein erziehende Mutter, weil Daddy sich im Job sprichwörtlich totgearbeitet hat.

Sollte die Kritik an traditionellen Männlichkeiten nicht schon ihrer Glaubwürdigkeit wegen mit einem progressiven Frauenbild einhergehen? Mit einem Frauenbild, dass mehr kann als kochen, putzen, Kindererziehung und gefügigen Beischlaf? Mehr als stumm sein, Wassernixe spielen und Fischmänner retten, die in Wahrheit verkannte – und damit doch nur wieder die wahren – Götter sind?

Christoph May

Wer will da noch ein weißer Mann sein? SZ

Guillermo del Toros Oscar-Favorit „The Shape of Water“ demontiert einen im Kino lange gefeierten Heldentypus.

Von Philipp Stadelmaier

Wer will da noch ein weißer Mann sein?

 


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