DeutschHoden · Über Die Massive Männlichkeit Des Bohemian NaziProlls | Von Christoph May

christoph-may-photography.eu

DeutschHoden PDF

Über die massive Männlichkeit des Bohemian NaziProlls

Von Christoph May

Deutschboden von Moritz von Uslar wurde im “Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche“ geschrieben. Nach der alternativen Zeitrechnung in Infinite Jest und verschiedenen Hinweisen von David Foster Wallace selbst, lässt sich “das J.d.I.-U.“ auf 2009 unserer realen Zeit datieren (siehe dazu Kapitel 4.2. Weltbewältigung). Ob Zufall oder nicht, es gibt weit mehr Gründe, sich das Ironiekonzept des genrelosen Textes von Uslar genauer zu besehen.

Angenommen, Deutschboden wäre ein Roman, so ließe sich die Ironie des Erzählers als textinterne Wahrheit lesen. Ist es hingegen eine Reportage, eine teilnehmende Beobachtung, führt die geschilderte Wirklichkeit aus dem Buch heraus und hinein in die reale Welt. Dort müssten sich dann nicht unerhebliche Spuren einer Kollision finden. Vielleicht ist es aber auch beides, Roman und Reportage in einem. Die Frage nach dem Genre stünde dann relativ zu der jeweiligen Perspektive etwaiger Figuren in und außerhalb des Buches.

Im Hauptteil meiner Arbeit untersuche ich die Beobachtungen der Figur des Erzählers in Deutschboden. Das fünfte Kapitel (Postproduction / NachSpielZeit) widmet sich der medialen und realen Rezeption des Textes vom Herbst 2010 bis August 2012. Ich folge mit dieser rein symbolischen Dichotomie der für meine Hauptthese (4. Show-Realismus) exemplarischen Idee des Regisseurs André Schäfer, der bereits mit den Dreharbeiten zum “Film zum Buch“ begonnen hat (siehe 5.4. Neue Wirklichkeit):

„Der Film verdeutliche einerseits die Buchebene, auf der jemand eine Geschichte erzählt, verlässt dann aber die Literatur und werde sehr authentisch.“

DeutschHoden PDF (105 Seiten)

[testimonial_single id=“6133″]

‚Deutschboden‘ der Film | TrailerScreenshot

Bohemian Proll, Show-Realität und Teilnehmende Beobachtung

Meinem Text liegen neue begriffliche Ideen zu Grunde, die ich direkt in die “Erprobung weiterer Theoriesprachen zur Artikulation von Erscheinungsformen kultureller Medialität“ einspeisen möchte, “insbesondere der Erscheinungsformen kultureller Medialität im Dazwischen“ (Das Kulturelle, Jochen Bonz, 2012).

Der Bohemian Proll bezeichnet die gesellschaftliche Symbiose einer bestimmten großstädtischen Männlichkeit mit einer speziellen kleinstädtischen; die typologische Vergesellschaftung von Individuen zweier sozialer Klassen auf der Grundlage eines ökonomisch stillschweigenden Mutualismus.

Show-Realität ist ein Sammelbegriff für die Menge der Inszenierungen bestimmter “Atmösphären“ (Jochen Bonz) oder “Umwelten“ (Marshall McLuhan), die nach bewährten Regeln des Entertainments zur Aufführung kommen; eine inszenierte Realität mit Show-Charakter.

Stil-Techno benennt das Schmiermittel beider Prozesse; ein ob seiner technoid ökonomischen Routinen den entertaining Habitus artifiziell emotionalisierendes Spotlight-Verfahren. Dieser Begriff bedarf einer sprachwissenschaftlichen Analyse, die ich nicht leisten kann, weshalb ihm kein gesondertes Kapitel zuteil wird. Offenkundig tritt er überall dort auf den Plan, wo ich auf die Bedeutung der Technologien für die Beobachtung und das Verhalten zu sprechen komme (1.2.3. Maschinenpark; 2.3. Gespräch und Gerät).

DeutschHoden PDF (105 Seiten)

Im Anschluss an die Thesen werde ich mir die literarische Inanspruchnahme der originär soziologischen Erhebungs-Methode Teilnehmende Beobachtung für Deutschboden näher besehen und prüfen. Wenngleich sie wissenschaftliche Normen ignoriert, ist sie doch durch ein empirisches Erkenntnisinteresse motiviert, eine Art naiver Faszination des Erzählers für harte Realität.

Je stärker seine Teilnahme zu einer Vereinnahmung tendiert und Beobachtungen ästhetisiert werden, können fortwährendes Staunen, Beschwörung und Offenbarung als literarische Prinzipien der Überhöhung methodologischen Charakter erlangen. Gestus und Pose haben in Deutschboden Methode.

Meine Analyse über die Darstellung der Bohemian Prolls beginnt mit der Frage nach der Konstruktion von Männlichkeiten, behandelt deren symbiotische Beziehungen, ihre Verbrüderung im Rausch und die sonderbare Abwesenheit der Frau.

Den sprachlichen Konstruktionen künstlicher Wirklichkeit als Umwelt und Umgebung will ich in den Motiven von Landschaft, Orten und Lokalen nachforschen. Als Bühnenmalereien auf den Schauplätzen in Deutschboden prägen sie die show-realistische Atmösphäre.

Kapitel fünf verlässt die Neue Wirklichkeit des Buches und schildert dessen Rezeption in der Wahrnehmung des Autors sowie der sogenannten Öffentlichkeit (Presse, Lesungen, Interviews, Vertrieb etc.).

DeutschHoden PDF

Show-Realität und Teilnehmende Beobachtung in Deutschboden (2010) von Moritz von Uslar

Inhalt und Bibliographie

1. Einleitung / Begriffe und Struktur / Thesen

  • Ich als Reporter
  • Keine Geschichte
  • Maschinenpark
  • Vorgeführt und gefeiert

2. Einnehmende Beobachtung

  • Nervöses Rezeptionsverhalten
  • Alles ist genau wie es sein soll
  • Gespräch und Gerät

3. Der Bohemian Proll

  • Depressive und grandiose Performance
  • Habitusstarre
  • Abwehr und Abwesenheit der Frau
  • Trunkene Verbrüderung

4. Show-Realismus

  • Ver-, Vor- und Aufführung
  • Weltbewältigung
  • Theaterlandschaft

5. Postproduction / NachSpielZeit

  • Roman und Reportage
  • Zwischen Comité invisible und Hacı-Halil Uslucan
  • Komplette Normalität
  • Neue Wirklichkeit

6. Schluß

  • Freiheit, Entzug und Erscheinung

7. Bibliographie

  • Augé, Marc: Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit. S. Fischer, Frankfurt 1994.
  • Baltes, Martin und Höltschl, Rainer (Hrsg.): absolute Marshall McLuhan, orange-press Freiburg 2011.
  • Baßler, Moritz: Der deutsche Pop-Roman. Die neuen Archivisten. C.H. Beck, München 2002.
  • Baudrillard, Jean: Warum ist nicht alles schon verschwunden? Matthes und Seitz, Berlin 2008.
  • Bonz, Jochen: Das Kulturelle. Wilhelm-Fink, München 2012.
  • Bourdieu, Pierre et al.: Das Elend der Welt. UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz 2010.
  • Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1987.
  • Bourdieu, Pierre: Soziologische Fragen. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1993.
  • Foster Wallace, David: Unendlicher Spass. Rowohlt, Reinbeck 2006.
  • Greif, Mark: Bluescreen, Essays. Suhrkamp, Berlin 2011.
  • Hipster. Eine transatlantische Diskussion. Suhrkamp, Berlin 2012.
  • Horzon, Rafael: Das Weisse Buch. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010.
  • Hustvedt, Siri: Der Sommer ohne Männer. Rohwolt, Berlin 2011.
  • Illouz, Eva: Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Frankfurter Adorno-Vorlesungen. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2004.
  • Illouz, Eva: Warum Liebe weh tut? Eine soziologische Erklärung. Suhrkamp, Berlin 2011.
  • Martina Läubli, Sabrina Sahli (Hrsg.): Männlichkeiten denken. transcript, Bielefeld 2011.
  • McLuhan, Marshall and Fiore, Quentin: The Medium is the Massage. Penguin Books, UK 1967.
  • Menke, Christoph und Rebentisch, Juliane (Hrsg.): Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus.
  • Kadmos, Berlin 2012.
  • Metz, Markus und Seeßlen, Georg: Blödmaschinen. Die Fabrikation von Stupidität. Suhrkamp, Berlin 2011.
  • Metz, Markus und Seeßlen, Georg: Kapitalismus als Spektakel. Suhrkamp, Berlin 2012.
  • Metz, Markus und Seeßlen, Georg: Wir Untote! Über Posthumane, Zombies, Botox-Monster und andere Über- und
  • Unterlebensformen in Life Science & Pulp Fiction. Matthes und Seitz, Berlin 2012.
  • Kracht, Christian: Faserland. Goldmann Verlag, Köln 1997.
  • Miller, Alice: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst. Suhrkamp, Frankfurt/Main1983.
  • Miller, Daniel: Das wilde Netzwerk. Ein ethnologischer Blick auf Facebook. Suhrkamp Berlin 2012.
  • Miller, Daniel: Der Trost der Dinge. Fünfzehn Porträts aus dem London von heute. Suhrkamp Berlin 2010.
  • Preciado, Beatriz: Pornotopia. Klaus Wagenbach, Berlin 2012.
  • Theweleit, Klaus und Baltes, Martin (Hrsg.): absolute(ly) Sigmund Freud, Songbook. orange press, Freiburg 2006.
  • Theweleit, Klaus: Männerphantasien I./II. Frauen, Fluten, Körper, Geschichte. Roter Stern, Frankfurt am Main 1977.
  • Tucholsky, Kurt und Heartfield, John: Deutschland, Deutschland über alles. Ein Bilderbuch von und vielen Fotografen
  • Universum Bücherei für alle, Berlin 1929.
  • Uslar, Moritz von: Deutschboden, Eine teilnehmende Beobachtung. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2010.
  • Uslar, Moritz von: Waldstein oder der Tod des Walter Gieseking am 6. Juni 2005. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2006.
  • Thornton, Sarah: Sieben Tage in der Kunstwelt. S. Fischer, Frankfurt/Main 2012.
  • Žižek, Slavoj und Daly Glyn: Conversations with Žižek. Polity Press, Cambridge 2003.
  • Simon, David und Burns, Ed: The Corner. Verlag Antje Kunstmann, München 2012.

DeutschHoden PDF (105 Seiten)


Men’s Studies

gender, gender studies, hegemoniale männlichkeit, kritische männerforschung, masculinity studies, male studies, männerforschung, men’s studies, mensstudies, toxic masculinity, traditionelle männlichkeit