Die Psycholandschaft der männlichen Kunst und ihre Neurokolonialisierung im Graffiti · Von Lukas Fuchsgruber

gender, graffiti, hegemoniale männlichkeit, hegemonic masculinity, inner landscape, kritische männerforschung, lukas fuchsgruber, männerforschung, männlich, männlichkeit, men’s studies, mensstudies, neurokolonisierung, psycholandschaft, thesen, christoph may

Die Psycholandschaft der männlichen Kunst und ihre Neurokolonialisierung im Graffiti PDF

Ein Gastbeitrag von Lukas Fuchsgruber

über die 11 GraffitiThesen von Christoph May

Es gibt solche Graffiti-Geschichte und solche. Es gibt eine Kunstgeschichte des Graffiti, die die Methoden der konservativen Kunstgeschichte wie Kanonbildung, Differenzierung von Schulen und Autonomiekult adaptiert und auf die Außenseiterkunst Graffiti überträgt.

Könige des Graffiti werden unsterblich gemacht, Entwicklungslinien und Konkurrenzen herausgearbeitet und so auch ein bestimmtes Repertoire von Stil zum Leitstil gemacht.

Die Psycholandschaft im Graffiti Lukas Fuchsgruber

gender, graffiti, hegemoniale männlichkeit, hegemonic masculinity, inner landscape, kritische männerforschung, lukas fuchsgruber, männerforschung, männlich, männlichkeit, men’s studies, mensstudies, neurokolonisierung, psycholandschaft, thesen, christoph may, msk, la, los angeles,

‚Mad Society Kings‘ MSK | Los Angeles

Dann gibt es eine andere Kunstgeschichte des Graffiti, die genau das Gegenteil macht, die sich auf die poppige, klandestine, kryptische Logik von Graffiti einlässt und versucht diese anders zu beschreiben als die Aristokratien des Stils, die Kunstgeschichte kennzeichnet.

Das klingt nun vielleicht komisch, wenn man an die Geschichten über Kings und Crews denkt, die aus der Graffitiszene selbst kommen, schreit das nicht gerade nach einer ganz akademischen Reaktion?

Die Psycholandschaft im Graffiti Lukas Fuchsgruber

gender, graffiti, hegemoniale männlichkeit, hegemonic masculinity, inner landscape, kritische männerforschung, lukas fuchsgruber, männerforschung, männlich, männlichkeit, men’s studies, mensstudies, neurokolonisierung, psycholandschaft, thesen, christoph may, msk, la, los angeles,

Mathieu Tremblin

Mein Argument dagegen wäre, dass Graffiti ein so interessantes Phänomen ist, dass wir an ihm sehr gut die Möglichkeiten und Grenzen einer anderen Kunstgeschichte ausloten können, die am Leitstil und den Helden vorbei Geschichte freilegt und breitere Charakteristika und Konfliktlinien innerhalb einer bestimmten Ästhetik in den Blick nimmt (Vgl. Fuchsgruber 2017). In unserem Fall das stilistisch aufgeladene Beschriften von öffentlichen Flächen durch eine künstlerische Massenbewegung.

Christoph May sehe ich dabei als einen Verbündeten, sein Ansatz der Männlichkeitsforschung und seine literaturkritischen Dekonstruktionen als einen Schnitt durchs Phänomen Graffiti, das auf einen wichtigen Kern stößt, Männlichkeit.

11 Thesen über Graffiti von Christoph May

Anfangs tat ich mich schwer mit seinem diese Tendenz stark verdichtenden Text „Graffiti als männliche Show-Realität“ (May 2017). Bei May wird Klaus Theweleit zum Stichwortgeber, Männlichkeit wird mit der „konkrete[n] und psychische[n] Landnahme“ verbunden.

Da entgleitet May kurz der Text, wie ich finde. May schreibt, dass die Idee von Postkolonialismus Irrsinn sei, weil Landnahme allgegenwärtig sei (May, S. 2), meint mit gegenwärtigem Kolonialismus aber nicht zum Beispiel imperialistische Machtkämpfe um seltene Erden und sonstige High-Tech Rohstoffe, sondern Wand-, Zug und Körperbemalungen in der Graffitiszene. Die Schwäche des Textes ist die Banalisierung von Kolonialismus auf die Großstadtspiele von Jungs:

„Kolonialisierung stellt künftig ein Angebot dar, ein unterhaltsames Adoleszenz-Paket aus Hight-Tech, Suspense und Action“ (Ebd., S. 11).

Die Psycholandschaft im Graffiti Lukas Fuchsgruber

gender, graffiti, hegemoniale männlichkeit, hegemonic masculinity, inner landscape, kritische männerforschung, lukas fuchsgruber, männerforschung, männlich, männlichkeit, men’s studies, mensstudies, neurokolonisierung, psycholandschaft, thesen, christoph may, msk, la, los angeles,

Ein Unterkapitel zur Technik des „Graffiti on Girls“ (Ebd., These Nr. 7) schert demnach aus dem Text aus, statt Kolonialismus geht es direkt um männliche Medien, der Schriftzug auf dem Körper wird mit dem Cum-Shot in der Pornographie verglichen.

gender, graffiti, hegemoniale männlichkeit, hegemonic masculinity, inner landscape, kritische männerforschung, lukas fuchsgruber, männerforschung, männlich, männlichkeit, men’s studies, mensstudies, neurokolonisierung, psycholandschaft, thesen, christoph may, msk, la, los angeles,

‚Money Talks‘ by TOOMER TKO | Los Angeles

Denn wenn Männer Frauenkörper bemalen ist nicht der Umweg über Landnahme nötig, um das Phänomen zu erklären, die bemalte Frau ist keine Landschaft, kein Territorium das privatisiert wird, vielmehr wird die lange Kunstgeschichte des Mannes, der Frauen zum passiven Kunstinhalt macht, fortgesetzt.

Es findet nicht wirklich etwas auf der Oberfläche der Frau statt, sondern sie wird für den Künstler Teil der Kunstware. Wie verflucht diese Geschichte ist, dazu braucht es nicht die Analogie der Eroberung.

Die Psycholandschaft im Graffiti Lukas Fuchsgruber

gender, graffiti, hegemoniale männlichkeit, hegemonic masculinity, inner landscape, kritische männerforschung, lukas fuchsgruber, männerforschung, männlich, männlichkeit, men’s studies, mensstudies, neurokolonisierung, psycholandschaft, thesen, christoph may, msk, la, los angeles, baudrillard

Jean Baudrillard

Eine postkolonialistische Perspektive könnte aber zum Beispiel helfen, den Aufstand der Zeichen (Baudrillard 2010) in den 1970er Jahren, als marginalisierte Jugendliche in Großstädten anfingen alles mit ihren Namen zu überziehen, stärker abzugrenzen von der kommerziell hoch gefragten Ästhetik des seither entstandenen Urban Art Graffiti. Vom Aufstand zur Ästhetik.

Und gleichzeitig könnte die Männlichkeitsforschung sicher noch zahlreiche neue Perspektiven auf die Jungskunst, die Graffiti von Anfang an (wie so viele Kunst) hauptsächlich war, beitragen. Dazu fehlt nur ein bisschen mehr eine historische Achse.

Doch wie sieht denn dann die Psycho-Landnahme der Graffiti-Sprüher aus? „Ihre neuronalen Netze verbinden sich direkt mit den Strecken- und Straßennetzen der Stadt“ (May, S. 4) „Die Landgewinnung im Außen verändert unmittelbar die Topographie seines Gehirns (Plastizität), die innere Landschaft und seine Männlichkeit.“ (Ebd. S. 5).

Die Psycholandschaft im Graffiti Lukas Fuchsgruber

gender, graffiti, hegemoniale männlichkeit, hegemonic masculinity, inner landscape, kritische männerforschung, lukas fuchsgruber, männerforschung, männlich, männlichkeit, men’s studies, mensstudies, neurokolonisierung, psycholandschaft, thesen, christoph may, msk, la, los angeles, moses, taps

gender, graffiti, hegemoniale männlichkeit, hegemonic masculinity, inner landscape, kritische männerforschung, lukas fuchsgruber, männerforschung, männlich, männlichkeit, men’s studies, mensstudies, neurokolonisierung, psycholandschaft, thesen, christoph may, msk, la, los angeles, moses, taps

MOSES TAPS

Davon gibt es Fotos: „In der Linse bündelt sich die obsessive Lust am stets gleichen Motiv der Symbiose des Mannesinneren mit dem Landesäußeren“ (Ebd., S. 6). Was für eine Kunst ist Graffiti in einer solchen Sichtweise? „Ihre Styles fungieren als Grenz- Sprach- und Resonanzkörper, wirken als Speichermedium und Ort der Erinnerung“ (Ebd., S. 8).

May zitiert die Protagonisten, die „endlich zu sprechen begonnen“ haben (Ebd., S. 8), in verschiedenen Schlüsselwerken, wie Filmen und Büchern, die lange Interview Sequenzen haben. In diesen Quellen finden in letzter Zeit die Körper und Gesichter der Sprüher erhöhte Aufmerksamkeit.

Die letzte Membran, die die Guerillakunst abgrenzte, fällt, das Innere liegt bei May als Literatur auf dem Seziertisch, die vermummten Schatten in den Szenen am Zug sind inzwischen Berlinale-Material (Florian Gaag, Wholetrain, DE, 2006), und nun steht das Porträt an.

Die Psycholandschaft im Graffiti Lukas Fuchsgruber

gender, graffiti, hegemoniale männlichkeit, hegemonic masculinity, inner landscape, kritische männerforschung, lukas fuchsgruber, männerforschung, männlich, männlichkeit, men’s studies, mensstudies, neurokolonisierung, psycholandschaft, thesen, christoph may, msk, la, los angeles, moses, taps

‚Burning Down The House‘ by Norman Behrendt

Burning Down The House

Zum Beispiel in Norman Behrendts Fotoband „Burning Down the House“ (Behrendt 2015). Es ist eine krachige Selbstbeschreibung der Graffiti-Szene, die sich mit den Bildern in Behrendts Buch verbindet. Der Körper der Sprüher, normalerweise Werkzeug um gleich große Buchstaben zu malen, wird hier in Ruhe gezeigt, weder in den Anpirsch- oder Fluchtgesten der Filme, noch im Prozess des Umreißens oder Ausmalens der Formen.

Die Psycholandschaft im Graffiti Lukas Fuchsgruber

gender, graffiti, hegemoniale männlichkeit, hegemonic masculinity, inner landscape, kritische männerforschung, lukas fuchsgruber, männerforschung, männlich, männlichkeit, men’s studies, mensstudies, neurokolonisierung, psycholandschaft, thesen, christoph may, msk, la, los angeles, moses, taps

‚Anton Räderscheidt‘ by August Sander | Lempertz.com

Der Maler Anton Räderscheidt (1927)

Sondern eher wie der Maler Anton Raderscheidt, wie er von August Sander 1926 in einer menschenleeren Straße frontal dem Betrachter zugewandt abgebildet wurde, sehr ernst, beinahe schon militant, in seinem schwarzen Mantel und dem Hut der über diesem Gesicht wie ein Helm wirkt.

Ähnlich ergreifen die porträtierten Writer mit ihrer räumlichen Position Besitz eines Stadtraums. Im Entstehungsprozess der Serie haben sie die Räume selbst ausgewählt. Einerseits könnten diese unterschiedlicher nicht sein, Hinterhöfe, U-Bahnaufgänge, Waldlichtungen, und auch die Kostümierungen sind teilweise um einiges exzentrischer als der schlichte Kleidungsstil Raderscheidts.

Die Psycholandschaft im Graffiti Lukas Fuchsgruber

gender, graffiti, hegemoniale männlichkeit, hegemonic masculinity, inner landscape, kritische männerforschung, lukas fuchsgruber, männerforschung, männlich, männlichkeit, men’s studies, mensstudies, neurokolonisierung, psycholandschaft, thesen, christoph may, msk, la, los angeles, moses, taps

‚Burning Down The House‘ by Norman Behrendt

Andererseits werden eben nicht Plätze die bemalt werden gezeigt, sondern Ruheorte vor und nach der Aktion. Die Wand ist außen vor, genauso wie das Geschriebene und damit das Ziel des Tuns das die Leute in diesem Buch eint.

Und doch ist diesen Bildern anzusehen, dass die Generation, die Bewegung, die hier bildlich nebeneinander gestellt wird, sich mit ihren in der Öffentlichkeit aufgetragenen Schriften auf uns, auf das Publikum ausrichtet, egal ob wir sie mögen oder verfluchen.

Wir können ihnen jetzt in die Augen sehen und wem die großen ausgestalteten Schriftzüge zu kryptisch sind und zu wenig sagen, oder wer ihnen keine Aufmerksamkeit schenkt, dem werden diese eindringlichen Porträts nun genauso verfolgen, und sagen: wir sind da, da könnt ihr gar nichts dagegen machen.

Die Psycholandschaft im Graffiti Lukas Fuchsgruber

gender, graffiti, hegemoniale männlichkeit, hegemonic masculinity, inner landscape, kritische männerforschung, lukas fuchsgruber, männerforschung, männlich, männlichkeit, men’s studies, mensstudies, neurokolonisierung, psycholandschaft, thesen, christoph may, msk, la, los angeles, moses, taps

Plastizität des Gehirns: Style- und Hirnwindungen by POET, GFA | Berlin

Ich führe das hier aus, weil ich in diesen Bildern May‘s These der „Plastizität“ des Writings sehe, das Einschreiben einer sehr speziellen Kunst nicht nur in den Bildträger, sondern in eine ganze Bewegung und in ihre Mitglieder selbst. Wie May schreibt, zeichnet Graffiti aus, dass die Freund-Feind Schemata hier sehr diffus sind, die Polizei wird zum Mitspieler (May, S. 13).

The Death Of Graffiti? Von Christoph May | Possible Books

Die eigenen Gesichter zu zeigen passt zu dieser Logik, am schrillsten hat dies sicher der Graffiti-Performance-Künstler Boris aufgegriffen, der beim Sprühen Selfies knippst.

Voll und ganz schreibt sich die Graffiti Karriere und die Kunstkarriere ein, die Ausstellungen in den Projekträumen der Szene flutschen in den Künstlerlebenslauf unter bürgerlichem Namen („Der ‚Planet Prozess‘ prägt die CV- und Ranglisten der ‚Artists‘ fortan als exzessiver Room- und Body Count“. Ebd., S. 16), und das Gesicht wird in das Kunstbuch gepackt.

Die Psycholandschaft im Graffiti Lukas Fuchsgruber

gender, graffiti, hegemoniale männlichkeit, hegemonic masculinity, inner landscape, kritische männerforschung, lukas fuchsgruber, männerforschung, männlich, männlichkeit, men’s studies, mensstudies, neurokolonisierung, psycholandschaft, thesen, christoph may, msk, la, los angeles, moses, taps

Photo by Boris Niehaus

Boris Niehaus

Solche Entwicklungen hat May im Analysegriff des Forschers. Seine Kunstgeschichte ist eine der Gegenwart, ich nenne es trotzdem Kunstgeschichte und nicht Kunstkritik, denn er erforscht eine ganze Bewegung, diese Bewegungsanalyse einer Massenkunst ist das was ich als einen vielversprechende Abzweigung der Kunstgeschichte betrachte.

Und sein Kolonialismusverdikt ist auch kein historisches, sondern wird über die Psycholandnahme des Graffiti gesprochen.

Die Psycholandschaft im Graffiti Lukas Fuchsgruber

Literatur

Jean Baudrillard

Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen. Berlin 2010.

Norman Behrendt

Burning Down The House. Berlin 2015.

Lukas Fuchsgruber

Probleme des Schreibens über Graffiti: Ökonomie der Ästhetik und Ästhetik der Ökonomie. In: Preußler, Jo (Hg.): The Death of Graffiti. Berlin 2017, S. 44-48.

Christoph May

Graffiti als männliche Show-Realität. In: Willeke, Stephanie, u.a. (Hg.), Das Radikale. Berlin 2017.


Das unmoralische Geschlecht / Christoph Kucklick
Die Krise der Männlichkeit geht gerade erst los | Der Freitag
See The Light | Meltdown
The Case Against The Jedi | Pop Culture Detective
FrauenHass bei Gauland | News September 2017
The Bechdel Test: Hollywoods Gender Divide and its Effect on Films
Wenn Männer in Hörbüchern Frauenstimmen nachahmen
Guyland: The Perilous World Where Boys Become Men / Michael Kimmel
The Complicity of Geek Masculinity on the Big Bang Theory | Pop Culture Detective
The Strongest Thing | News November 2017

Men’s Studies

gender, gender studies, hegemoniale männlichkeit, kritische männerforschung, masculinity studies, male studies, männerforschung, men’s studies, mensstudies, toxic masculinity, traditionelle männlichkeit