Entmännlichung, Selfmade-Männer und Sexismus in Interviews

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Entmännlichung, Selfmade-Männer und Sexismus in Interviews

Interview mit Siri Hustvedt

Auszug aus der SZ vom 19./20. November 2016

Süddeutsche Zeitung

„Was ist mit den vielen Frauen, die für Trump gestimmt haben?“

Siri Hustvedt

„Ich glaube, dass sie sich mit der empfundenen Entmännlichung ihrer Männer identifiziert haben. Stellen Sie sich eine Frau vor, deren Mann seinen Fabrikjob ohne eigene Schuld verloren hat. So wie mein Großvater, der gearbeitet und gearbeitet hat, ohne dass es irgendwas genützt hätte. Die Frau sieht, wie ihr Mann mit seiner Arbeit auch seinen Stolz verliert, und sie fühlt die Schwächung dieses von ihr geliebten Menschen.“

SZ

„Zugleich ist es nicht ungewöhnlich, dass die Wähler nach zwei Amtszeiten eines Präsidenten einen Wechsel herbeisehnen.“

Siri Hustvedt

„Wir sprechen hier aber doch nicht über jemanden wie Mitt Romney oder George W. Bush. Ich mochte weder den einen noch den anderen, aber die Wahl eines solchen Politikers hätte ich als klassische Machtverschiebung verstanden. Hier wurde jemand gewählt, der offen Hass über Muslime, Latinos und Frauen verbreitet.

Ein Mann, der dabei aufgezeichnet wurde, wie er mit sexuellen Übergriffen angibt. Das ist kein business as usual. Das ist Neofaschismus. Wovor ich mich fürchte, ist die Normalisierung nach dem Motto: Okay, jetzt ist er also Präsident, lassen wir den Dingen ihren Lauf. Ich finde nicht, dass wir das tun können.“

SZ

„In ihrer ersten Tübinger Vorlesung über Poetik haben Sie gesagt, dass offenbar viele Menschen das Verlangen haben, sich aus der komplizierten globalisierten Welt zu lösen. Wieso, glauben Sie, ist das so?“

Siri Hustvedt

Es ist die Sehnsucht nach Überschaubarkeit, einfachen Lösungen. In der Kultur der USA gibt es das Ideal vom Cowboy. Eine sehr männliche Figur, die nur ihr eigenes Ding macht. Eine Figur, die sich scheinbar selbst hervorgebracht hat, die von niemandem geboren wurde, der „selfmade man“. Was wir gerade beobachten, ist die Angst vor Abhängigkeit. Und die große Verkörperung der Abhängigkeit ist die Mutter.“

[…]

SZ

„In ihrem Roman „Die gleißende Welt“ schreiben Sie: „Es ist so ungerecht, immer zuerst als Frau gesehen zu werden.“ Wann haben Sie das zum ersten Mal gedacht?“

Siri Hustvedt

„Das passiert später im Leben. Wenn man schon etwas erreicht hat, sich in ein Fachgebiet eingearbeitet, einen Diskurs gemeistert hat. Wen man kapiert: Es liegt nicht an mir, dass ich mit dieser Feindseligkeit konfrontiert bin.“

SZ

„Wann ist Ihnen das klar geworden?“

Siri Hustvedt

„Das ist eine Erkenntnis, die sich nach und nach einstellt. Zum Beispiel durch die Kritik, die ich für „Die gleißende Welt“ bekommen habe. Es hieß oft, dass die Hauptfigur, Harriet, eine ambitionierte Künstlerin, unsympathisch ist. Oder dass das Buch zu intellektuell sei. Das muss ich erst noch erleben – dass sich jemand darüber beschwert, dass ein männlicher Schriftsteller zu intellektuell schreibt.“

SZ

„Verstiegenheit wirft man nur Frauen vor?“

Siri Hustvedt

„Sagt irgendwer: Samuel Beckett ist so gebildet, ist das nicht ekelhaft? Und er gibt so damit an. Er schreibt einfach alles auf, was er weiß. Dass er Deutsch kann und Französisch und Mathematik. Er sollte sich mal zusammenreißen. Nein, da sagt niemand. Stattdessen werden eine Million Konferenzen organisiert, um zu zeigen – zu Recht – was für ein Genie Samuel Beckett war.“

SZ

„Wenn man Interviews mit Ihnen liest oder Rezensionen Ihrer Bücher, dann taucht immer ihr Mann auf, Paul Auster.“

Siri Hustvedt

„Ja.“

SZ

„In Interview mit ihm, in Rezensionen seiner Bücher tauchen Sie fast nie auf.“

Siri Hustvedt

„So war es schon immer. Und natürlich glaube ich, dass das Sexismus ist. Man kann mich nicht getrennt von meinem Ehemann wahrnehmen.“

SZ

„Macht Sie das wütend?“

Siri Hustvedt

„Mittlerweile kann ich meistens darüber lachen. Paul hat viel von mir gelernt. Er beschäftigt sich nicht mit Wissenschaft und kaum noch mit Philosophie, aber er verfolgt meine Arbeit. In Interviews sagt er das auch. Er sagt dann: „Siri sagt, dass …“. Aber wenn das Interview dann erscheint, bin ich raus.“

SZ

„Das „Siri sagt …“ wird gestrichen?“

Siri Hustvedt

Ja. Das ist Hunderte Male passiert. Das bringt mich oft in interessante Situationen mit Journalisten, die mir erzählen, dass Paul mich in die Neurowissenschaft eingewiesen hat. Dass er mir Psychoanalyse beigebracht hat. Alles Mögliche. Es kommt alles von meinem Mann.“

SZ

„Wie reagieren Sie darauf?“

Siri Hustvedt

Meistens ist das ganz unschuldig gemeint. Die Leute haben sich einfach nicht genügend informiert. Es ist außerdem sehr gefährlich für Frauen, wütend zu werden. Das hat man im vergangenen Wahlkampf gesehen. Donald Trump konnte schreien, bis er rot wurde, und niemand hat sich darüber aufgeregt. Hillary Clinton musste immer ruhig bleiben.“

Süddeutsche Zeitung

[http://www.sueddeutsche.de/kultur/siri-hustvedt-im-interview-new-york-ist-das-echte-amerika-1.3256790]


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