Wonder Woman ist eine Männerphantasie

Wonder Woman (Linda Carter) by ABC Television [Public domain], via Wikimedia Commons

‚Wonder Woman‘ ist eine Männerphantasie

Deshalb „funktioniert“ der Film auch für Männer so toll

Eine Replik von Christoph May auf „Eine Frau, kein Wunder“ von David Pfeiffer Süddeutsche Zeitung

Nahezu sämtliche Frauenfiguren, die derzeit als neue Heldinnen eingeführt werden, von Rey in Star Wars bis aktuell Wonder Woman, sind reine Männerphantasien. Werden aber ohne Ausnahme als feministisch gelesen. Das ist meiner Meinung nach ein Trugschluss. Bestenfalls ließe sich hier von einem Zugeständnis der männlich dominierten Filmindustrie sprechen. Die Freude darüber, dass Frauen jetzt endlich Männerrollen spielen ‚dürfen‘, verkennt, dass die meisten Serien und Filme rein männliche Produktionen sind.

Der Anteil von Regisseurinnen beträgt gerade einmal 7%, das ist weniger als 2016! …wie die SZ berichtet.

Was wir also in Wirklichkeit zu sehen bekommen, ist die Erzählung der weiblichen Emanzipation aus Männersicht. Und die ist stets eine Geschichte des unmenschlichen und unmännlichen erfolglosen Kampfes gegen die Männerwelt. Den Daenerys Targaryen nicht ohne RiesenDrachen und MännerArmee hinbekommt (Game of Thrones). Rey nicht ohne Finn wie in Star Wars (Rey wird der neue Darth Vader, wetten?). Imperator Furiosa (Charlize Theron) nicht ohne Max Rockatansky (Mad Max: Fury Road). Und Wonder Woman nicht ohne Steve Trevor.

MainTopos vieler Filme ist der Mann in der Krise. Ein wesentliches Narrativ dieser Krise ist die ewige Suche nach den verfluchten und nicht nur emotional abwesenden Vätern. Allein deshalb der ganze Kampf. Das wird besonders perfide im aktuellen ‚Fluch der Karibik‘ Teil 5 durchgespielt („Dead Men Tell No Tales“). Denn selbst wenn es gelingt, Daddy vom Fluch zu befreien, um ihn endlich in die Arme schließen zu können, sieht dieser sich plötzlich gezwungen, sein Leben für Tochter/Sohn zu opfern. Womit sein erneutes Abtauchen als Heldentat glorifiziert wird. Sprich, Daddy stirbt lieber, als sich emotional präsent an der Erziehung zu beteiligen. Und wenn er doch endlich viel zu spät die Gelegenheit ergreift, ist es ein Akt der Aufopferung. Wie selbstlos von ihm!

Auch die aktuelle Wonder Women wird abermals als Prinz und damit als Mann eingeführt (Diana Prince), die ohne GottVater Zeus aufwachsen musste, weil dieser fortwährend mit Krieg und Vergewaltigung (Kallisto, Leda, Danae, Metis, Elare, Aigina, Io, Europa, Antiope, Maia, Himalia, Nemesis) beschäftigt war. Im Kampf mit dem Kriegsgott Ares erfährt Diana, dass sie die leibliche Tochter des Zeus ist. Ihr Bruder enthält ihr vor, dass sie bei weitem nicht die einzige ist.

Ihre finale Power nun darf sie erst entdecken, als Sie wehrlos am Boden liegt und dabei zusehen muss, wie ihr Liebhaber in einer Explosion am Himmel verglüht. Wenngleich der Film unablässig betont, dass ihre Selbstermächtigung ein Akt der Liebe sei – weil Frau = Liebesgöttin und Mann = Krieg -, so speist sich ihre „Wunder“Kraft letztlich deutlich aus der Wut über abwesende Vater- und Männerfiguren. Und nicht aus der Liebe zu Ihnen. Umso demütigender, dass sie die jetzt noch vor sich selbst retten muss. Auch deshalb eindeutig eine Männerphantasie.

Diese kurzen Intermezzi von Vätern und Söhnen, die emotional nicht greifbar sind, weil sie Ihr Leben damit vergeuden, Krieg zu spielen, gehören zu den besonders dominanten Männerphantasien, die auch Patty Jenkins, die Regisseurin, nicht zu durchbrechen vermag. Weshalb WonderWoman in den Fortsetzungen weiterhin als die Männer- und FetischPhantasie ihres Erfinders Marston herhalten wird, der die Unterwürfigkeit zur weiblichen Tugend erklärte. Nebenbei bemerkt sind Amazonen, die auf einer Paradiesinsel leben, um sich auf den Einfall von Männerhorden vorzubereiten, ebenfalls seit jeher nichts weiter als eine reine Männerphantasie von heißen, naiven Frauen, die sich nicht so leicht erobern lassen wollen.

Die zum X verschränkten Arme zeigen ursprünglich keine PowerGeste, sondern eine mit MännerBlicken kokettierende Starr-Mir-Nicht-In-Den-Ausschnitt-Du-Böser-Böser-Junge-Abwehrhaltung eines misogynen ComicAutors, der völlig zu Unrecht als feministisch geführt wird.

Die sogenannte Paradiesinsel Themyscira hat Zeus im übrigen als GebärVersteck für die hochschwangere Hippolyta/Latona ins Meer gezaubert, und nicht, wie uns der Film Glauben machen will, als Schutz vor Ares. Bei der Geburt selbst war Zeus/Jupiter nicht zugegen, weil er seine wütende Gattin Hera besänftigen musste.

Trotz allem wird WonderWoman als feministischer Film gelesen. Genauso wie ‚Mad Max: Fury Road‘ von 2015 oder Rey in Star Wars. Wollen wir wirklich Frauenfiguren sehen, die dazu gezwungen werden, den ganzen Männerkriegsmist aus der Welt zu schaffen und zu befrieden? Ist ja nicht so, dass ihnen das Drehbuch eine Wahl ließe: sie sind meist von Geburt an ‚auserwählt‘ und dazu ‚bestimmt‘, sich ihrem Schicksal zu stellen. Wieder so eine Männerphantasie. Sie wären dazu in der Lage, keine Frage. Aber das ist nicht ihre, sondern unsere Aufgabe!

Für mich als Männerforscher zeigen diese Filme eines ganz deutlich: dass die Männer sich weigern, ihre Krise anzuerkennen. Und stattdessen Frauen- und Mutterfiguren nach ihrem Bilde formen und zur Rettung herbeiinszenieren. Wonder Woman ist „hart wie Stahl und legt jeden Mann aufs Kreuz“ (David Pfeifer in „Eine Frau, kein Wunder“, SZ) – also wozu brauchen wir Männer doch gleich einen weiblichen ‚Men of Steel‘? Ah, das Lasso der Wahrheit, richtig. Ohne dieses Lasso sind wir offenbar noch immer nicht in der Lage, unsere priviligierte Rolle als weiße Männer in Frage zu stellen. Das also ist die abstruse Idee hinter der Männerphantasie ‚Wonder Woman‘.

Christoph May


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